Eine kleine Geschichte der Empfängnisverhütung

„Jedes Paar hat ein grundlegendes Menschenrecht,
frei und verantwortlich
über die Zahl und die Folge seiner Kinder zu entscheiden,
und ein Recht auf entsprechende Erziehung und Information.“

UNO Menschenrechtskonferenz 1968


 Kapitel 1. Es war einmal in der Steinzeit

  Kapitel 2. Ägypten und der Orient

  Kapitel 3. Asien

  Kapitel 4. Biblische Verfehlungen

  Kapitel 5. Ungetrübte Freude im alten Griechenland

  Kapitel 6. Der Gynäkologe der Antike - Soranus von Ephesus

  Kapitel 7. Gelehrte Ratschläge von Rom bis Arabien

  Kapitel 8. „Petersilie hilft dem Mann aufs Pferd und der Frau unter die Erd" - Die Pflanzen der Germanen

  Kapitel 9. Augustinus und das Christentum

  Kapitel 10. Verhütung und die Rolle der Frau

  Kapitel 11. Mystik und Magie des Mittelalters

  Kapitel 12. Die Neuzeit beginnt

  Kapitel 13. Erste Schritte der Aufklärung

  Kapitel 14. Ein Blick über den Tellerrand - Empfängnisverhütung bei den Naturvölkern

  Kapitel 15. Alte „Hüte“ neue Wege - Das 19. Jahrhundert

  Kapitel 16. Einsichten in den weiblichen Zyklus

  Kapitel 17. Die Hormonforschung beginnt

  Kapitel 18. Fruchtbarkeit und Zwangssterilisation - Das dunkle Kapitel der NS-Zeit

  Kapitel 19. Eine Revolution wird in Auftrag gegeben

  Kapitel 20. Von der Nebenwirkung zur Anti-Baby-Pille


Es war einmal in der Steinzeit.....

Mit dem Beginn der Viehzucht in der Jungsteinzeit dürfte den Menschen klar geworden sein, dass zwischen dem Geschlechtsakt und einer Geburt ein Zusammenhang besteht.

Wahrscheinlich hat auch der Wunsch nach einer wirksamen Verhütungsmethode nicht lange auf sich warten lassen, immerhin stellte jede Schwangerschaft eine erhöhte Belastung für die Frau und jedes Kind einen zusätzlichen Esser für die Gemeinschaft dar. Andererseits sicherten Kinder das Überleben der Sippe.

Die Anzahl der Kinder, die eine Frau zur Welt bringen konnte, deren eigene Lebenserwartung bei ungefähr etwa 20 Jahren lag, war ohnehin nicht groß.

Vor allem Barrieremethoden pflanzlicher Herkunft (Tampons aus Gras, Wurzelwerk oder Algen sowie Fruchtschoten, die den Samen auffangen sollten) sind einfach anzuwenden und daher seit Jahrtausenden im Einsatz. Die häufigsten und erfolgreichsten Verhütungsmethoden werden in den frühen Tagen der Menschheit sicher die verminderte Empfängnisbereitschaft während der Stillzeit und die Enthaltsamkeit an fruchtbaren Tagen gewesen sein

Die Geschichte der Präservative könnte hier begonnen haben. Die ältesten Darstellungen kommen aus dieser Epoche und können bis zu 30000 Jahren alt sein. Zwei Fresken (in der Dordogne und in Libyen) zeigen einen Mann, der ein Präservativ aus einem unbekannten Material trägt. Die Bedeutung dieser Hülle ist allerdings nicht geklärt – ob zur Empfängnisverhütung, als religiöses oder kulturelles Symbol bleibt unklar.

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Ägypten und der Orient

Abgesehen von vermuteten Tonzeugnissen aus dem Reich der Sumerer stellen ägyptische Papyri die ältesten Zeugnisse über Verhütungsmethoden dar. Sie sind 4000 Jahre alt und wurden 1898 von britischen Archäologen Sir Williams Flinders südlich von Kairo gefunden.

Das etwa nur noch 3 Seiten umfassende „Papyrus Kahun“ stammt aus der Zeit von 2200 bis 2100 v. Christus. Die ersten beiden Seiten enthalten 17 Rezepte gegen Frauenkrankheiten, die dritte Seite bringt 17 Vorschriften über Empfängnis und Schwangerschaft hervor. Erfolg und Misserfolg dürften bei den dort zu findenden Rezepten allerdings sehr nah beisammen gelegen haben:

„Um die Empfängnis zu vermeiden: Krokodilexkremente, fein aufgelöst in saurer Milch, damit bewässern“. Ebenso beschrieben „einen halben Liter Honig in ihre Vagina eingeführt mit einer Prise Soda“ oder „saure Milch, in ihre Vagina gegossen“. Diese Rezepte müssen ziemlich gut gewirkt haben: Durch den klebrigen Honig wird den Spermien der Zugang zur Gebärmutter verwehrt. Saure Milch und Soda stören den Säurehaushalt der Vagina und wirken spermienabtötend. Die Exkremente des heiligen Krokodils sind eher aus mystischen Gründen verwendet worden, da diese eher basisch reagieren und für die Spermien ein günstiges Milieu schaffen.

Auf dem ebenfalls nur noch in Bruchstücken bestehenden Papyrus Carlsberg VIII. werden Geburtsprognosen, Schwangerschaftsdiagnosen und Geschlechtsbestimmung des Ungeborenen behandelt.

Etwas jünger ist das Papyrus Ebers aus der Zeit um 1550 v.Chr. Es beschreibt eine Tampon-Rezeptur, die eine Schwangerschaft sogar über einen von Zeitraum bis zu drei Jahren verhindern soll. Sie besteht aus „Akazienspitzen, fein zerrieben, mit Datteln und Honig auf einen Faserbausch gestrichen und tief in ihren Schoß gegeben“. Die klebrigen „Tampons“ bildeten eine mechanische Sperre für das Sperma. Moderne Wissenschaften haben außerdem herausgefunden, dass Akazienknospen „Gummi arabicum“ enthalten, dass in der Scheide in Milchsäure vergoren wird. Da Milchsäure samenabtötend wirkt, ist es heute noch Bestandteil mancher Verhütungsgel

Aus den Kernen von Granatäpfeln machten die Ägypterinnen Scheidenzäpfchen indem Sie die Kerne zerstießen und in Wachs rollten.Da der Granatapfel hohe Mengen eines pflanzlichen Estrogens enthält, könnte der Eisprung verhindert worden sein.

Angesichts der Besonderheit von Granatäpfeln könnte sich die Frage stellen, welcher Apfel wohl dafür verantwortlich war, dass Eva im Garten Eden in Ungnade fiel.....

Um für eine längere Zeit unfruchtbar zu sein, verwendeten die Ägypterinnen die Samen des Rizinusstrauches: ein Jahr Sterilität pro Samenkorn versprechen die
Aufzeichnungen aus dem alten Ägypten. Auch Unterleibsoperationen wurden in Ägypten bereits durchgeführt. Zu welchem Zweck und mit welchem Erfolg ist allerdings
nicht überliefert.

Die ersten Vorläufer von Diaphragmen dürften Zitronenschalen gewesen sein. Halbiert und ausgepresst legten sich die Ägypterinnen diese über den
Muttermund. Neben der Barrierefunktion dürfte die Säure der Zitronenfrucht abtötend auf den männlichen Samen gewirkt haben.

Auch die Geschichte der Spirale beginnt vermutlich hier. Sie wurde im Orient von einfachen Viehtreibern erfunden – nicht jedoch für ihre Frauen, sondern für ihre Kamele. Trächtige Kamelstuten sind auf den langen Märschen langsam und nicht belastbar. Aus diesem Grunde bliesen die Viehtreiber ihren Kamelstuten mit einem hohlen Schilfrohr Kieselsteine in die Gebärmutter ein, um diese zu verschließen.

Die Geschichte der Präservative wird hier weitergeschrieben. Eine Zeichnung zeigt den Herrscher Tutankhamun mit einer Verhüllung seines Gliedes,
bekannt heute als das Kondom des Tutankhamun.


Früh gab es auch die ersten Ratschläge zu Schwangerschaftstesten. Wenn sich zum Beispiel Getreidesprossen im Urin
einer Frau auf bestimmte Weise veränderten, war sie schwanger. Oder sie führte sich eine Zwiebel in die Scheide ein. Wenn ihr Atem später nach Zwiebel roch, galt sie als
schwanger.

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Asien

Im 10 Jh. vor unserer Zeitrechnung verwendeten die Japaner einen Schutz Namens „Kabutogata“. Er diente wohl auch als Präservativ, obwohl er äußerst starr war, da er aus Leder und Schildkrötenpanzer hergestellt war.

Vor 4000 Jahren bevorzugten die Chinesen Papiere oder Binden aus Seide, welche geölt waren und kleine Korsetts bildeten. Pflanzliche Verhütungsmittel werden in chinesischen Texten ca. 2700 v.Chr. erwähnt. Einige sehr spezifische Rezepturen aus China bezüglich einer bis zu 3 Jahren anhaltenden Empfängnisverhütung stehen im Barefoot Doctors Manual.

In Indien datieren die ersten Berichte über Verhütungsmittel in den Susruta-, Shameta- und Kama-Kasten zurück bis ca. 3000 v.Chr. Wie die Ägypter den Krokodildung benutzten, so verwendeten die Inderinnen den Elefantendung zur Verhütung. Elefantendung ist eine Ausscheidung mit sehr hohem Säureanteil, was bekanntlich den Spermien den Weg zur Eizelle erschwert. 

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Biblische Verfehlungen

Der Coitus interruptus – vermutlich lange Zeit die gebräuchlichste und am wenigsten zum Ziel   führende Methode – ist die einzigen Verhütungsmethode, die in der Bibel erwähnt wird

„Juda   nahm für seinen Erstgeborenen Er eine Frau namens Tamar. Aber Er, der Erstgeborenen Judas, missfiel dem Herrn und so ließ ihn der Herr sterben. Da sagte Juda zu Onan: Geh mit der Frau deines Bruders die Schwagerehe ein und verschaffe deinem Bruder Nachkommen. Onan wusste also, dass die Nachkommen nicht ihm gehören würden. Sooft er zur Frau seines Bruders ging, ließ er es zur Erde fallen und verderben, um seinem Bruder Nachkommen vorzuenthalten. Was er tat, missfiel dem Herrn, und so ließ er auch ihn sterben.“

Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Genesis 38,1-10

Bis in das 18.JH. bezeichnete der Begriff „Onanie“ den Coitus interruptus, erst im 19.JH wurde Onan zum Namensgeber der Selbstbefriedigung.

(Coitus – Geschlechtsverkehr; Coitus interruptus – unterbrochener Geschlechtsverkehr, Ejakulation außerhalb der Scheide; Coitus reservatus – bewusstes zurückhalten des Samenergusses beim Geschlechtsverkehr)

 

Thomas von Aquin († 1274) hielt in seiner „Summa contra gentiles“ fest:

„Es ist wider das Heil des Menschen, den Samen auf solche Weise zu entleeren, dass keine Zeugung erfolgen kann; wenn dies mit Absicht geschieht, muss es eine Sünde genannt werden.“ Das Konzil von Trient (1545 – 1563) schrieb die Ansichten des Thomas von Aquin als Gesetzt fest

Im Judentum ist der Empfängnisschutz nicht verboten und der Rückzieher des Mannes durchaus erlaubt. Im Islam empfiehlt  Mohammed das „Zurückziehen“ ausdrücklich als Methode zur Verhütung.

Für Frauen, die bereits eine Familie hatten, überlieferten die Juden das Rezept einer Mixtur, die unfruchtbar machte:

Alexandrinisches Gummi als  Alauntinktur und Gartenkrokus, sollte mit Bier gemischt getrunken werden

„Hat eine Frau Blutfluss, und ist Blut an ihrem Körper, soll sie sieben Tage lang in der Unreinheit ihrer Regel verbleiben. Wer sie berührt, ist unrein bis zum Abend. (...) Schläft ein Mann mit ihr, kommt die Unreinheit ihrer Regel auf ihn. Er wird für sieben Tage unrein. Jedes Lager, auf das er sich legt, wird unrein.“

Levitikus 15,19-24

Die Reinheitsgebote des Alten Testamentes  bezeichnen Frauen bis zum 7. Tag nach Ihrer Regel als unrein. Legt man einen 28 Tage Zyklus mit einer normalen Menstruationsdauer zu Grunde, bedeutet dies in der Praxis, dass der Verkehr erst wieder in der fruchtbaren Zeit aufgenommen werden soll.

Seid fruchtbar und vermehret euch...“

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Ungetrübte Freude im alten Griechenland

Die Idee zum ersten Kondom hatte der griechischen Sage nach eine Frau. Sie dachte dabei allerdings nicht an Empfängnisverhütung, vielmehr rettete Ihr der Einfall das Leben und König Minos bescherte er ungetrübte Freude.

Nach Bericht des römischen Schriftstellers Antonius Liberalis (ca.150 v.Chr.) soll König Minos der erste Kondombenutzer gewesen sein. Die Geliebten des Minos´ starben alle einen grausamen Tod in seinen Armen, da der Göttersohn und Herrscher von Kreta anstelle von Sperma nur Schlangen, Skorpione und giftige Hundertfüßler produzierte. Die rettende Idee kam schließlich Prokris, die vor ihrem eifersüchtigen Ehemann in das Reich des Minos geflüchtet war. Sie empfahl Minos, vor dem Liebesspiel eine Ziegenblase überzustülpen. Die Adlige blieb am Leben – und als Dank für den Einfall, der Minos ungetrübte Freuden bescherte, versöhnte dieser sie auch wieder mit ihrem eifersüchtigen Gatte

Glaubt man dieser sagenhaften Geschichte, so erfüllte das erste Präservativ eine ganz anderer Funktion als die Verhütung von Schwangerschaften. Auch später hatten Präservative in erster Linie den Zweck, vor der Übertragung von Geschlechtskrankheiten zu schützen. Auch die Herkunft der Präservative blieb bis ins 19. Jh. unverändert: Blinddärme von Kälbern, Ziegen, und Schafen sowie Fischblasen wurden übergestülpt. Um die Dichtigkeit eines „Kondoms“ zu überprüfen, wurde es einfach aufgeblasen.

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Der Gynäkologe der Antike: Soranus von Ephesos

Hippokrates (griech. Arzt 460-377 v.Chr.) schreibt in seinen Werk „Das Wesen der Frauen“: „Wenn eine Frau nicht empfangen will, mache sie es sich zur Gewohnheit, nach dem Beischlaf den Samen herausfallen zu lassen“. Leider bietet Hippokrates zu diesem Rat keine Gebrauchsanweisung.

Etwas genauer als Hippokrates wusste es im 2. Jh. n.Chr. der römische Arzt Soranus von Ephesus(98 - 138 n.Chr.), der meinte, “Die Frau solle indem Augenblick, da der Mann seinen Samen ausstoße, den Atem anhalten und Ihren Körper zurückziehen. Anschließend solle sie aufstehen, in die Hocke gehen und kräftig niesen“. Es liegt auf der Hand, dass vor allem derart unkomplizierte - wenngleich auch nutzlose - Ratschläge, die Zeiten überdauerten. Noch am Ende des letzten Jahrhunderts wurde in Wien Frauen geraten, den Samen mit einer „sich schlängelnden Bewegung“ loszuwerden

Auch das Ausspülen mit saurer Flüssigkeit vor oder nach dem Geschlechtsakt wurde von Soranus empfohlen. Zur Vermeidung einer Schwangerschaft sollte, so Soranus, an den Tagen vor und nach der Menstruation verzichtet werden.

Diese Empfehlung geht mit der antiken Ansicht überein, dass das weibliche Menstruationsblut – sozusagen als weiblicher Samen – gemeinsam mit dem Sperma des Mannes das Kind bild

Soranus gilt als der größte Gynäkologe der Antike. Seine Schriften waren bis ins vorherige Jahrhundert verschollen, wurden aber in den 30er Jahren des 19. Jh. wiedergefunden. Soranus sprach auch die Nebenwirkungen einiger Verhütungsmethoden an: Frauen litten unter Kopfschmerzen, Verdauungsstörungen und Übelkeit

Soranus sprach aus, was später unter dem Begriff „medizinische Indikation zum Schwangerschaftsabbruch“ bekannt wurde:

Wenn es für eine Frau zu gefährlich sei, ein Kind zu bekommen, dann solle sie das Kind nicht austragen. Ansonsten riet er von Abtreibungen ab, da sie in vielen Fällen auch der Frau das Leben kosteten.

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Gelehrte Ratschläge von Rom bis Arabien

 

Ähnlich nutzlos wie vieles andere zuvor waren  der Ratschläge von Plinius dem Älteren (23 - 79 n.Chr.) in dem Werk  „Naturalis historia“.

Dort rät er einer Frau, sich vor dem Sonnenaufgang zwei kleine Larven aus der Spinne namens Phalangium, in Hirschleder gesteckt, um den Hals zu hängen.

Des weiteren:  „Wenn ein Mann sein Wasser auf den Urin einer läufigen Hündin abschlägt, so wird er Abscheu empfinden vor dem Beischlaf“ Um „eine tiefe Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr“ zu fassen, rät Plinius den Frauen, „ihre Lenden mit dem Blut von Zecken“ einzureiben, die „aus dem Fell eines wilden schwarzen Stieres geklaubt wurden.“ Der Erfolg dieser Methoden lag eher darin, jedes Begehren zu ersticken.

 Plinius wusste aber auch ein treffendes Mittel: Die Enthaltsamkeit.

Dioskurides aus Sizilien empfahl im 1. Jh. n.Chr., sich mit dem eigenen Menstruationsblut zu besprengen. Sterilität erzeuge außerdem die Rinde einer Weißpappel, zusammen mit den Nieren eines Maultieres eingenommen.Viele antike Mittel gehören in den Bereich der Magie. Da Maultiere von Natur aus unfruchtbar sind, glaubte man beispielsweise, dass jeder unfruchtbar werde, der Teile eines Maultieres zu sich nehme. Auch zu einfachen Pflanzenextrakten rät Doiskurides, etwa Weidenblätter, die Blätter der Bischofsmütze, die Wurzeln des Adlerfarnes, Ostrakitis oder Pfefferminzsaft mit Honig.

Selbstverständlich wurden während der gesamten Antike mechanische Sperren verwendet, die nach Möglichkeit auch chemisch behandelt waren:

Wolltampons   in Alauntinktur, Zedernharz oder Olivenöl getränkt, eventuell auch mit Myrte versetzt. Auch der Coitus interruptus wird häufig praktiziert worden sein.

Der persische Arzt Al-Razi (Abu Bakr Muhammed ibn Zakariya al-Razi, auch Rhazes, 865 - 925) rät um 900 n.Chr. der Frau, mit dem Daumen auf ihren Nabel zu drücken, um den Samen aus der Scheide auszustoßen und diskutiert andere empfängnisverhütende Verfahren in seinen Schriften. Schwangere Frauen regte der Musiker Al-Razi an, sich mit Gesängen, Scherzen und allem was Freude bringt, zu beschäftigen.

Andere islamische Gelehrte wie Al Ibn Abbas (ca.980 n.Chr.), Abu Ali al-Hussein Ibn Abdallah Ibn Sina (auch Avicenna, 979 - 1037 n.Chr.) und Ismail al-Jurjani (1125 n.Chr.) behandelten in Ihren Werken Verhütung ganz offen, indem Sie auch auf ältere Quellen zurückgriffen. Al-Razi und Avicenna  dürften die wichtigsten Ärzte und Gelehrten der islamischen Welt gewesen sein. Sie wurden noch weitere 700 Jahre ehrfurchtsvoll als die „Fürsten der Ärzte“ benannt und ihre Schriften waren die Grundlage für Studenten der damaligen Welt.

Nach 1150 n.Chr. begannen jedoch auch die arabischen Texte immer mehr Zauberei einzuführen. Etwa um 1400 diskutierten persische Manuskripte die orale Einnahme von Kälberlab, Maultierhuf, Eisenstaub, Dung und Pfeffer zur Verhütung. In der Abhandlung von Dawud Al-Antak um 1500, dessen Werke bis ins 19 Jh. in der arabischen Welt zitiert wurden, ersetzten magische Worte, Rituale und Amulette völlig das Wissen von medizinisch behandelten Tampons, Pessaren und pflanzlichen Arzneien.

Interessanterweise hatte der im Cordoba des 12 Jh. lehrende jüdische Gelehrte Mamonides die Einsicht, dass der fruchtbarste Tag der Frau am 14. Zyklustag sei. Was tiefe Einblicke in weiblichen Zyklus vermuten ließ, blieb ungehört, da man bis zum Beginn unseren Jahrhunderts annahm, dass der weibliche „Samen“, welcher zur Vermehrung mit dem männlichen Samen „verschmelzen“ musste, sich im Menstruationsblut befände. 

Noch ein Wort zur Menstruation - die Frauen vom Altertums bis zum Beginn der Neuzeit erlebten eine Menstruation sehr selten, da diese durch die kurze Lebenserwartung, die hohe Geburtenrate und der anschließenden Stillzeit nur selten möglich war. Erst mit der Einführung der Pille lernte die Frau eine stabile, zyklisch wiederkehrende Periode kennen. 

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„Petersilie hilft dem Mann aufs Pferd und der Frau unter die Erd“ - Die Pflanzen der Germanen

In der germanischen Tradition war es nicht ehrenrührig, bereits vor der Eheschließung miteinander zu schlafen. Unter anderem galt es festzustellen, ob die auserwählte Frau schwanger werden konnte. Mehr Kinder als eine Frau haben wollte, sollte sie allerdings auch nicht gebären.

Als Verhütungsmittel ist von den Germanen Bienenwachs überliefert. Als Scheibe in die Scheide eingeführt, wird es durch die Körpertemperatur weich und kann dann um den Muttermund geformt werden.

Die Samen von Petersilie, Fenchel, Sellerie, Majoran, Thymian, Rosmarin und Lavendel sollen den Abgang gefördert haben. Von Bohnenkraut, Aronstab, Bibernellwurzeln, Wachholderbeeren und Adlerfarnwurzeln nutzten die Germanen die abtreibende Wirkung. Auch das Mutterkorn soll abtreibend gewirkt haben, allerdings dürfte es allzu oft auch der Schwangeren selbst zum Verhängnis geworden sein. Doch auch die harmlos klingenden Kräuter sind nicht ungefährlich: Ein Sud aus zerstoßenen Petersiliensamen enthält das starke Gift Apiol, welches, wenn es zu hoch dosiert wird, schwere Blutungen auslösen, Lähmungen und Nierenschädigungen hervorrufen kann.

So musste sich manche Frau dann „die Petersilie von unten ansehen“.

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Augustinus und das Christentum

Im 5. Jh. n.Chr. wetterte in Nordafrika der Bischof von Hippo gegen die Empfängnisverhütung: “Habt ihr uns etwa früher nicht gewarnt, so sorgsam wie nur möglich auf die Zeit nach der monatlichen Reinigung zu achten, wenn zu erwarten ist, dass die Frau empfängt, und zu dieser Zeit uns vom Verkehr zu enthalten, damit nicht eine Seele ins Fleisch gegossen werde? (...) Wo aber die Mutterschaft verhindert werde, besteht keine Ehe.“ schrieb er an die Manichäer, eine nicht-christliche Glaubensgemeinde, die er bekämpfte.

430 n.Chr. starb Augustinus, aber seine Überzeugung, wonach die Empfängnisverhütung eine Ehe nichtig macht, prägte in der Folge das Christentum. Den Geschlechtsverkehr vor und außerhalb der Ehe belegte die Kirche ohnehin mit drakonischen Strafen. Nun galt es aber, das Verhüten von Nachkommenschaft zu sanktionieren

Im Jahre 798 n.Chr. unterdrückte das karolingische Recht den Gebrauch von wirksamen Verhütungsmitteln durch das „Verbot von Zaubergetränken“.

Erst mehr als 1500 Jahre später rang sich Papst Pius der XII. dazu durch, einem Paar insoweit Entscheidungsfreiheit zu lassen, als er die bewusste Enthaltsamkeit an fruchtbaren Tagen nicht mehr explizit verurteilte. Selbstverständlich galt diese „zulässige“ Form der Verhütung nur für Eheleute.

Im selben Jahr, in der die UNO auf einer Menschenrechtskonferenz das Recht eines Paares auf die Entscheidung über Zahl und Folge seiner Kinder festschrieb, gab Papst Paul VI. seine „Encyclica Humanae Vitae“ heraus, in der er den gläubigen Katholiken das Verbot jeglicher Verhütung mit Ausnahme der Enthaltsamkeit vorschrieb.

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Verhütung und die Rolle der Frau

Mehr und mehr verändert sich das einst fundierte medizinische Wissen und die Funktionalität der Verhütungsmethoden in Ihr Spiegelbild der Absurditäten. Zu diesem Zeitpunkt soll auch die Rolle der Frau kurz beleuchtet werden. Beginnend schon in Ägypten, als sich nach der Hyksos-Zeit und Echnatons Herrschaft die Rolle der Frau änderte, die männlichen Götter eine größere Bedeutung erlangten, und die pharaonische und priesterliche Autorität sich steigerte, veränderte sich der Charakter der Verhütungsmittel. Ebenso die Texte der arabischen Gelehrten, die mehr und mehr unter dem Einfluss anderer Kulturen standen. Ganz besonders hat sich die Rolle der Frau durch die Macht der Kirchen verändert. Die Frau wurde mehr und mehr in die Rolle eines Sexual- oder Fortpflanzungsobjektes gedrückt. Unter solchen Umständen geriet das Wissen mehr und mehr unter männliche Kontrolle, wurde als Angriff auf die männliche Herrschaft über die Fortpflanzung vernichtet oder unterdrückt und erschien nur noch unbestimmt als (weibliche) Magie oder Hexerei.    

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Mystik und Magie des Mittelalters

In medizinischen Texten des Mittelalters werden verhütende und abtreibende Methoden nach magischen und mechanischen Techniken, pflanzlichen Anwendungen und Positionen beim Geschlechtsverkehr oder körperlichen Übungen empfohlen. Die medizinische Praxis des Mittelalters ist noch keine empirische Wissenschaft. Magie und Aberglaube spielen eine große Rolle. Die Verschreibung zum Tragen von magischen Amuletten und das Aufsagen von Zaubersprüchen gehörte sowohl zum Repertoire der Kräuterhexen, als auch zu dem der Mediziner. Viele Methoden, die einst wirkten und ein gewisses Verständnis der Abläufe in der weiblichen Physiologie belegten, wurden zur Unbrauchbarkeit verfälscht. So empfahlen die Texte des Dominikaner Albert dem Großen um 1240 n.Chr. die orale Einnahme von Elefantendung – eine klare Verfälschung des ursprünglichen Rezeptes. Ebenso verfälschte er auch das bekannte Leinen-Tampon, er empfahl statt dessen einen ölgetränkten Lappen, mit dem in einem empfängnisverhütenden Ritual die Schläfen eingerieben werden.

Zu der Gruppe der magischen Methoden hat sich auch Constantinus Africanus in dem Kapitel De Generare Nolentibus geäußert:

„The tooth of an 8 year old boy, enclosed within gold or silver and suspended from the arm, keeps a woman from conceiving. The heart removed from a little mouse and suspended from her arm prevent conception. The small piece of a womb of lioness will do the same. The little bones which are found in the heart or in the womb of deer keep women from conceiving.“

Andere magische Mittel sollen den Geschlechtsverkehr eines Paares stören. So empfiehlt Constantinus Africanus den durch magische Sprüche beeinträchtigten folgendes:

„Bile of a male dog purifies the house and brings it about that no evil remedy be brought to the house. And because these spells are devilish and are particular in women, they are sometimes cured by divine, sometimes by human measures.“

Das Tragen des Labs eines Hasen, die Verwendung von Blättern oder Früchten der Trauerweide in der Vagina soll ebenfalls kontrazeptive Wirkung haben. Reizende Dämpfe von brennenden Eselshufen oder Eselsmist sowie Habicht oder Taubenmist sollen zur Abtreibung in die Vagina geleitet werden. Auch das Trinken des Urins eines Schafes soll verhütende Wirkung gehabt haben.

Albertus Magnus (1200 –1280 n.Chr.) empfahl Frauen, sich „den Finger sowie den Anus eines toten Feten an den Hals zu hängen“. Ein andere Tipp von Albertus Magnus lautete: „Man solle einem weiblichen Wiesel das Bein abschneiden, das Tier aber leben lassen und dieses Bein einer Frau an den Hals binden  und sie wird nicht empfangen, solange sie es dort trägt; wenn sie es aber abnimmt, wird sie schwanger werden.“

Sicher ist, dass Magie das gesamte Mittelalter hindurch eine wichtige Methode zur Verhütung von Schwangerschaften war. Die abstoßendsten und unsinnigsten Empfehlungen waren gut genug: ein Trank aus Milch und Mäuseblut, eine Speise aus in Menschenfett gebratenen Kaulquappen, drei Mal einem Frosch ins Maul spucken, vor dem Geschlechtsverkehr die Milch einer stillenden Frau trinken, Trinken von Widder- oder Hasenurin oder sich einen Beutel mit Hasenkot um den Hals hängen...

Obwohl wir uns der Irrsinnigkeit dieser Methoden bewusst sind, hat es  im Mittelalter ein großes Interesse bei der Bevölkerung gegeben, allen Verboten der Anwendung seitens der Kirche zum Trotz. Auch Edelsteinen wurde eine verhütende Wirkung nachgesagt, so soll der Smaragd den männlichen Sexualtrieb hemmen.

Das Verstopfen des Muttermundes mit Materialien wie feingehacktem Gras, Tang oder Steinen führte zu einer verhütenden Wirkung. Ebenso gab es Pessare aus Holz oder Leder. 

Eine der bekanntesten mechanischen Verhütungsmittel des Mittelalters dürfte der Keuschheitsgürtel, auch Florentiner Gürtel, Venusgurt oder italienisches Schloss genannt, sein. Ein Gürtel aus Metall, der um den Bauch gelegt wird. Am Rücken ist ein Scharnier, an dem ein Eisenband zwischen den Beinen hindurch zum Bauch führt und dort mit einem Schloss verbunden ist. Vermutlich wurde der Keuschheitsgürtel in der Zeit der Kreuzzüge erfunden, wenn der Ritter für mehrere Jahre in fremde Länder zog und sich der Treue seiner Ehefrau sicher sein wollte. Die früheste Darstellung eines Keuschheitsgürtels stammt aus dem Jahre 1405, den ersten Gürtel soll jedoch ein Italiener in Padua 1395 gefertigt haben. In Deutschland stammt das letzte Patent eines Keuschheitsgürtels aus dem Jahre 1903.

Körperliche Übungen und bestimmte Positionen beim Akt sollten zur Verhütung dienen. Empfohlen wird der Frau  im Moment des Samenergusses ihren Körper zurückzuziehen, so das der Samen nicht eindringen kann. Sodann soll sie sich mit angezogenen Knien hinsetzten und dreimal niesen. Prostituierte seien nach dem Akt auf und abgesprungen, um den Samen aus dem Körper auszustoßen. Andere Rezepte empfahlen den gleichzeitigen Orgasmus zu vermeiden. Ebenso gab es die Empfehlungen des Coitus interruptus und des Coitus reservatus

Ähnliche Pflanzenextrakte, wie sie  bei den Germanen Verwendung fanden, blieben währen des gesamten Mittelalters wichtige Verhütungsmittel.

In unseren Breiten wurden vor allem Gartenmelde, Osterluzei, Hirtentäschel, Efeu und Wasserpfeffer verwendet. Viele dieser Pflanzen wurden mit Auszügen von Schafgarbe, Wegerich, Silberpappel und Pimpernelle gemischt. Manchmal wird auch die verhütende Kraft des Spargels genannt – öfter aber seine  Wirkung als Aphrodisiakum.

Oft wurden die Tränke und Salben jedoch in Verbindung mit Magie verwandt. Avicenna empfahl folgendes Rezept in seinem Canon Avicennae: Aus einer frischen Alraunwurzel, Kohlblättern, Kohlsamen  und Skammoniablättern wurde mit Zedernöl ein Kügelchen geformt und als Pessar in die Scheide eingeführt, während der Mann seinen Penis in Bleiweiß und Zedernöl einrieb. Die Frau musste außerdem in 1 ½  Liter Wasser aufgelöstes Basilikum zu sich nehmen. Nach dem Verkehr musste die Frau ein weiteres Pessar aus Blättern der Trauerweide, die in dem Saft der Trauerweide getränkt war, in die Vagina einführen. Die Trauerweide könnte eine anaphrodisierende Wirkung haben, zudem die Pflanze einen aspirinähnlichen Stoff enthält der schmerzstillend wirkt.

Ein weiteres Rezept aus dem Lorscher Manusskript lautet:

8 oz weißer Pfeffer, 2 oz Fenchel, 8 oz Ingwer, 2 oz Geranien, 6 oz Petersilie, 8 oz Kreuzkümmel, 2 oz Sellerieamen , 6 oz Anis, 6 oz Kümmel, 6 oz Schlafmohn.

Dieser Trank aus Pflanzen und Pflanzensamen beinhaltet sowohl wirkungslose als auch abtreibende Substanzen.

Auch das Fruchtfleisch vom Granatapfel vermischt mit Alaun, einem Salz aus Kalium und Aluminiumsulfats, wird als Verhütungsmethode angeführt. Über den Estrogengehalt des Granatapfels wurde schon im alten Ägypten berichtet. Von Alaun ist lediglich eine blutstillende Wirkung bekannt, was die Spekulation zulässt, eine Menstruationsverhindernde Methode gesucht zu haben.

Männer die Ihre Lust dämpfen wollten, sollten sich Blätter des schwarzen und weißen Bilsenkrauts  auf die Hoden legen. Das Bilsenkraut enthält einen schmerzstillenden Stoff, sowie die Substanzen Atropin und Scopolamin – heute weit gebräuchliche Substanzen in der Medizin. Auch das Mutterkorn, ein Getreidepilz der zur Abtreibung verwendet wurde, findet heute in Wehenmitteln seinen Einsatz. 

Das Kräuterbuch des Hieronymus Bock (1498 – 1554) war wegen seiner zahlreichen farbigen Abbildungen und seines populär-wissenschaftlichen Stils eines der beliebtesten Bücher seiner Zeit. Beschrieben wurde unter anderem die abtreibenden und verhütenden Wirkungen zahlreicher Kräuter. Eine besondere Erwähnung findet der Sadebaum. Der Sadebaum kann auf eine über 2000 jährige Geschichte als Abortivum zurückblicken. Der Bestandteil Sabinol in den Zweigtrieben des Baumes wirkt auf die stark durchbluteten Bestandteile der Gebärmutter. 6 Tropfen des Sadebaumöls können für den Menschen eine tödliche Wirkung haben. Seit dem 19. Jh. wurde im Deutschen Reich in vielen Orten der Anbau des Sadebaums verboten oder durch Gitter vor Frauen abgeschirmt. Als Kulturpflanze findet man ihn heute noch als Immergrün auf Friedhöfen.

Mit der Einnahme ätherischer Öle, zum Beispiel des Sadebaumöls, wurde versucht, eine ausgebliebene Regelblutung wieder herbeizuführen. Häufig mit der Folge, dass damit eine Abtreibung bewirkt wurde. Man hatte von der Anatomie der Frau und der Entwicklung des Kindes im Mutterleibe nur vage Vorstellungen. Das Ausbleiben der Regel wurde als „Stockung des Blutes“ wahrgenommen, keineswegs aber als Zeichen einer beginnenden Schwangerschaft. Deshalb war der Übergang zwischen Mitteln, welche die ausgebliebene Regel in Gang setzten und solchen die verhüten oder eine Abtreibung auslösten bis Anfang des 19. Jh. fließend.

Arme Menschen der Zeit verließen sich auf die fruchtbarkeitsdämpfende Wirkung von Erbsen und aßen nach altem Rezept bis zu 2 kg davon – sicher war an dieser Methode nur das die Bettdecke des Pärchens sehr „windig“ war...

Doch wir wissen wenig über die empfängnisverhütenden Methoden des Mittelalters. Die Kenntnisse wurden mündlich weitergegeben, denn das gemeine Volk konnte weder lesen noch schreiben. Im späten Mittelalter dürfte die Hexenverfolgung ein Übriges beigetragen haben. 1484 richtete Innozenz VIII. eine päpstliche Bulle unter anderem gegen jene, „die die Geburten der Weiber (...) umkommen machten, (...) die Menschen mit grausamen sowohl innerlichen als äußerlichen Schmerzen und Klagen belegen und peinigen, (...) dass sie nicht zeugen, und die Frauen, dass sie nicht empfangen.“ Die Herausgeber des „Hexenhammers“ nahmen Innozenz´ Bulle in das Vorwort ihrer Schrift auf und legitimierten so ihre Hetze als Ausdruck des päpstlichen Denkens.

Mediziner, Hebammen, „Hexen“ oder  Kräuterfrauen und Engelmacherinnen  besaßen die Kenntnisse über Verhütungsmethoden und führten Abtreibungen durch. Gerade die letzten beiden Gruppen gaben ihr Wissen nur mündlich an ihresgleichen weiter.

Als Konsequenz verschwanden die Kenntnisse über Empfängnisverhütung, musste doch jede, die ihr Wissen auch nur mündlich weitergab, mit Verrat rechnen, der ohne Umwege auf dem Scheiterhaufen führen konnte.

Interessanterweise wurde eine überführte Kindesmörderin, die sich die Ernährung eines Kindes nicht leisten konnte, eine arme Frau (oder paupercula),

milder von der Kirche bestraft – eine Strafmilderung aufgrund einer sozialen Indikation. Hier lassen sich Parallelen zum § 218 ziehen. Auch eine medizinische Indikation und Empfehlung zur Verhütung gab es für den Mediziner unter den Argusaugen der Kirche. So schreibt Constantinus Africanus:

„There are those who do not wish to generate, either because of the harm to children at the breast, or because, when they are still girls, ... ,or they have dire diseases of the womb, such as cancer of the uterus.“ 

Die aus Arabien stammende Überzeugung, dass stillende Mütter nicht wieder schwanger werden dürfen da es für sie gefährlich werden kann, führte dazu, dass man diesen Frauen Verhütungsmethoden empfahl oder ihnen zur Abtreibung riet.

Präservative blieben vom Wissensschwund durch die Hexenverfolgung verschont. Allerdings hütete man sich davor, alle ihre Wirkungen zu betonen. Beschrieben wurden sie in erster Linie als Schutz vor Geschlechtskrankheiten. Im 15. Jh. wurde wegen der explosionsartigen Ausbreitung der Syphilis durch die  kriegerischen Eroberungen das Präservativ beworben. So gab etwa der    italienische Arzte Gabriele Fallopio (Mitte 16. Jh.) den Ratschlag: “Vor jedem Beischlaf muss der Mann seine Genitalien gut waschen. Danach muss er ein Stückchen Leinen über seine Eichel tun und Vorhaut darüber ziehen, damit das Tüchlein gut fest liegt. Dann wird das Läppchen mit Speichel oder einer Lotion nass gemacht.“

Diese Schutzeinrichtung, von Hand und auf Maß geschneidert, wurde von König Loius XIV geadelt. Für seinen persönlichen Gebrauch ließ er sie herstellen - gefüttert mit Seide, Velours, Satin und anderen kostbaren Stoffen.

Die Marquise de Sevigne (1626 – 1696) beschrieb Präservative in einem Brief an ihre Tochter als „Venushemdchen“, die an ihrem offenen Ende mit einem Bändchen versehen seien, um den festen Sitz auch in der Hitze der Leidenschaft zu gewährleisten. Im Übrigen seien die Kondome, so die Marquise zu ihrer Tochter, der Gräfin von Grignan, „ein Panzer gegen die Lust und eine Spinnwebe gegen die Gefahr.“

An verwunderlichen Erfindungen ist die ausklingende Epoche ebenfalls nicht arm. Ein Beispiel ist eine Scheidenspülung mit Pumpsystem und Essighydraulik, bestehend aus einem Blasebalg mit zwei Gummischläuchen. Beim Geschlechtsakt wurde der eine Schlauch in die Scheide gesteckt, der andere in ein Essiggefäß, während die Frau den Blasebalg in der Hand hielt. Kurz vor der männlichen Ejakulation – welche die Frau zudem erahnen sollte   – musste die Frau durch schnelles Pumpen Essig in ihre Vagina spülen, um das Sperma unschädlich zu machen. Dieses Gerät, das vor allem von den wohlhabenden Gesellschaftsschichten benutzt wurde, war nicht nur schlecht wirksam und lusttötend, sondern zerstörte zudem auch die Scheidenflora.   

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Die Neuzeit beginnt

Angesichts der hohen Sterblichkeitsrate und der niedrigen Lebenserwartung hatte die Empfängnisverhütung nicht dieselbe Bedeutung wie heute. Das änderte sich schlagartig am Beginn der Neuzeit, als die Bevölkerungszahlen sprunghaft anzusteigen begannen.

Lebten um 1700 noch etwa 115 Millionen Menschen in Europa, wahren es 150 Jahre später bereits mehr als doppelt so viele. Einerseits fehlte das Wissen über wirksame Verhütung, andererseits war es nicht allen möglich eine Ehe zu schließen. Die Folge waren zahllose Abtreibungen, Kindsmorde, Kindsweglegungen und Selbstmorde. Goethes Gretchen dürfte zahllose Leidensgenossinnen gehabt haben, während die Männer - wie Faust - im Grunde wenig zu befürchten hatten. Tatsächlich soll Goethe durch den Fall der Susanna Margaretha Brandtin angeregt worden sein. Margaretha wurde in Frankfurt von einem Goldschmiedgesellen geschwängert, nachdem dieser sie betrunken gemacht hatte. Sie tötete das Neugeborenen und wurde in einem Prozess 1772 zum Tode verurteilt.  

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Erste Schritte zur Aufklärung

1744 wurde die erste Kondomerie in London eröffnet. Geführt von zwei Frauen, wurden dort wahlweise Präservative aus Tierdärmen und solche aus Geweben angeboten. Nach Gebrauch wurden die Präservative gewaschen, getrocknet, gepudert und erneut verwendet. Um einen Riss zu reparieren, verwendetet man ein Stück eines anderen Tierdarms, das mit  Knochenleim aufgeklebt wurde

Gegen Ende des 18. Jh. mehrten sich die Sorgen um die Entwicklung der Weltbevölkerung. Der anglikanische Geistliche Thomas Robert Malthus rechnete 1798 vor, dass sich die Zahl der Menschen in Zukunft alle 25 Jahre verdoppeln werde. Die Ratschläge des Theologen griffen freilich nicht weit: “sittliche Enthaltsamkeit“ und „späte Eheschließung“ so empfahl er. Im Coitus interruptus sah er eine „Schändigung des Ehebettes“.

Die ersten systematischen Schriften zur Empfängnisverhütung entstanden im 19. Jh. Auch mancher „Privatgelehrte“ machte sich seine Gedanken.

Der preußische Medizinalrat Weinhold schlug vor, vor allem „das männliche Geschlecht, von welchen als der aktiven Seite der Menschheit, aller gesetzliche Unfug zur Befriedung einer nur tierischen Lust ausgeht (...) in weit schärfere Aufsicht als bisher“ zu nehmen. Als Mittel dagegen empfahl Weinhold allen Ernstes einen Metallring, der Jungen im 14. Jh. durch die Vorhaut des Penis gezogen werden sollte. Die Unversehrtheit der Plombe solle regelmäßig kontrolliert und eine vorzeitige Öffnung selbstverständlich sanktioniert werden.

Selbst im 19. Jh. wurde für allzu lustvolle Knaben ein Anti-Onanier-Apparat aus Metall gezimmert, der nach der Überstülpung im Schambereich die erregende Wanderschaft der Hände verhindern sollte.

Die Meinungen zur Empfängnisverhütung gingen auseinander: 1873 bezeichnete etwa ein amerikanisches Bundesgesetz die Information über Empfängnisverhütung als obszön. Und der Arzt Dr. Routh nannte die Verhütung einen „sexuellen Betrug“, der zudem zu einer Reihe  schwerwiegender Erkrankungen führen könnte. Wer Kondome oder andere Barrieremethoden verwende, riskiere “Krebs, manische Zustände bis zum Selbstmord, generelle nervöse Erschöpfung, Zerstörung geistiger Gesundheit, Gedächtnisverlust und starkes Herzklopfen.“

Ein außerordentlich seltenes Dokument aus dem Bereich der Verhütungsmethoden ist ein Speckstein im Dresdner Hygienemuseum aus der Steiermark, um 1900, mit der Aufschrift „NON IN SCHANDALUM“. Dieser Stein soll laut Überlieferung noch in den 30er Jahren von einer Bäuerin in der Steiermark zur Verhütung benutzt worden sein. Nicht schwanger zu werden, heißt demnach, eine Schande zu verhindern – ein Hinweis auf die außereheliche Sexualität und dem Ansehen der unehelichen Schwangerschaft. Der Stein wird bei „sachgerechter“ Anwendung sicherlich ein mechanische Verhütungsmittel gewesen sein, aber er ist auch ein Beweis für das Weiterleben der Volksmagie, indem man mit Zauberzeichen und Beschwörungsformeln die Organe des Körpers beeinflussen wollte.

 

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Ein Blick über den Tellerrand - Empfängnisverhütung bei Naturvölkern

Bei vielen Naturvölkern dieser Erde gibt es keine Tabus gegen voreheliche sexuelle Verbindungen. Auch ist die Bindung außerhalb des Elternhauses zwischen Jungen und Mädchen bei Tage und bei Nacht ohne jegliche Kontrolle und Regularien durch Erwachsene, so dass das sexuelle Interesse und sexuelle Spiele schon im frühen Kinderalter beginnen. Im Umgang mit anderen Kindern lernen sie spielerisch das Wissen über Ihre Sexualität. Was den Anthropologen der 20er und 30er Jahre bei ihren Studien der Naturvölker der Muria (Indien 1947), Massim (Neu Guinea 1926), Ilfuago (Ozeanien 1938) und vieler anderer Völker ein großes Rätsel aufgab, war „die voreheliche Promiskuität ohne Empfängnis“.

Sie beobachteten, dass Jugendliche  regelmäßigen Geschlechtsverkehr mit wechselnden Partnern ausübten, es aber keine schwangere Mädchen gab. Erst mit dem Eintritt in die Ehe (und der Monogamie) sahen sie schwangere Frauen.

Der Wissenschaftler Rentoul nahm an, dass die einheimischen Mädchen eine Muskelkontraktion kannten, um den männlichen Samen auszustoßen. Hartmann diskutierte eine angeborene unfruchtbare Periode von 3 – 4 Jahren nach der ersten Menstruation. Das Wissen der Naturvölker über verhängnisverhütende Pflanzen wurde aus der ungläubigen Sicht des „zivilisierten“ Wissenschaftlers   abgelehnt.

Tatsächlich kannten die Urvölker eine ganze Reihe von Pflanzen, die eine abtreibende oder empfängnisverhütende Wirkung hatten. Da die männliche Schamanen öffentlich praktizierten, die Hebammen aber meist heimlich  arbeiten, waren alle wirkungsvollen Pflanzen von einem großen Tabu umgeben.

Ein Schilfgras, Piripiri genannt, als Tee aufgegossen, soll bei der ersten Menstruation getrunken werden und über mehrere Jahre unfruchtbar machen. Auch die Blätter des Agerarger, des Sohe oder die Früchte des Bok sollen eine wirkungsvolle Dosis gehabt haben. Mittlerweile sind Hunderte empfängnis-verhütender und abtreibender Pflanzen bekannt.

Interessant ist auch ein Ausflug in die Medizin der Nordamerikanischen Urvölker. Die Indianer kannten bereits die empfängnisverhütende Wirkung der Yamswurzel (Radix Dioscorea deltoides). Was die Indianer sicherlich nicht wussten, war, dass diese Pflanze bis zu 10% Saponine  enthält –   eine pflanzliche Substanzklasse, die auch heute häufig therapeutisch verwendet wird (z.B. Digitalis bei Herzkranken). 1943 setzte der Wissenschaftler Russel Marker die Welt in Erstaunen, als er den Wirkstoff Diosgenin, der wie das weibliche Hormon Progestreon wirkt, aus der wilden Yamswurzel (D.mexicana) herstellte. Bis 1970 war das aus der Yamswurzel gewonnene Diosgenin die einzige Quelle für die hormonelle Substanz zur Herstellung der Anti-Baby-Pille.

Auch die nordamerikanischen Shoshone   kannten die empfängnisverhütende Wirkung der Litospermum ruderale. Sie ist mittlerweile eine der am besten untersuchten Pflanzen. Ihr Wirkstoff, die  lithospermische Säure, erzielt Effekte auf die Eierstöcke, dem Thymus und die Hypophyse.

Die Wurzel der Apocynum cannabinum (Hanfartiger Hundwürger) wurde als Tee aufgegossen zur Verhütung benutzt. Die Blackfeet-Indianer verwandten Anemone multifia (Windflower) zur Abtreibung. Die Zuni-Indianer gossen die Wurzeln der Cirsium ochrocentrum als Tee auf. Kurz vor dem Verkehr getrunken sollte er eine weibliche Nachkommenschaft versichern. Zur Geburtsbeschleunigung verwandten die Blackfeet-Indianer die Blätter der Anemone patens.

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Alte „Hüte“, neue Wege – Das 19.Jahrhundert

Im 19. Jh. erlebte die schon bei den Ägyptern bekannte Methode, das Scheidenklima zu säubern, weil es Spermien tötet, eine Renaissance.

1832 fasste der amerikanische Arzt Charles Knowlton in „Die Früchte der Philosophie“ ein altbekanntes Mittel zusammen. Er empfahl, die Scheide unmittelbar nach dem Verkehr mit kaltem Wasser oder Alaun, Essig oder einer Zinksulfatlösung auszuspülen. Wie schon 2000 Jahre zuvor setzte Knowlton auf die spermienabtötende Wirkung von saurem Scheidenmilieu. Auch in Frankreich war die Essigspülung ein bekanntes und häufiges Mittel.

Auf dem Gebiet der Forschung gab es große Fortschritte: Bereits um 1818 datiert ist die Feststellung, dass die Aufwachtemperatur der Frau zyklischen Schwankungen unterliegt. Die Auswertung dieser Schwankungen in Hinblick auf fruchtbare und unfruchtbare Phasen ließ allerdings noch auf sich warten. Erst am Ende des 19. Jh. konnten die hormonelle Zusammenhänge von Eisprung und Schwangerschaft festgehalten werden.

Ab Mitte des 19. Jh. war die Voraussetzung für industriell gefertigte Präservative einerseits und Diaphragmen anderseits gegeben.

1855 gelang dem amerikanischen Chemiker Charles Goodyear die erste Herstellung eines Gummikondoms aus Gummi und Kautschuk. Es war etwa 2 Millimeter dick und in der Länge zusammengenäht. Es dauerte noch bis 1901, bis man feststellte, dass ein Reservoir an der Spitze in Hinblick auf das Auffangen von Sperma nützlich sein könnte. 1919 ließ der Deutsche Julius Fromm  seine „gefühlsechten Kondome“ patentieren. Heute garantiert eine europaweit geltende Norm die Passgenauigkeit, indem sie Länge, Breite, Wanddicke, Reißfestigkeit und Dichtheit vorschreibt. Allerdings kosteten damals 3 Präservative 72 Pfennige, was bei den Löhnen der Arbeiter ein unerschwinglicher Luxus war.

Der englische Chemiker Rendell erfand in der Mitte des 19. Jh. Pessare, die aus Chinin und Kakaobutter bestanden und sich in der Scheide auflösten. Bis zum Zweiten Weltkrieg erfreuten sich die kostengünstigen „Rendells“ einer großen Beliebtheit. Ihre Wirksamkeit war jedoch alles andere als Zuverlässig.

„Die Rendells kaufte man in Blechdosen, wie Hustenpastillen, kleine eiförmige Dinger. Es gab das Gerücht, dass ein gewisser Prozentsatz bereits mit Fehlern aus der Fabrik kam, weil die Regierung es so verlangte. Ein Krieg stand bevor und man wollte die Bevölkerungszahl steigern. Ich weiß nicht, ob etwas dran war, aber das Gerücht war sehr verbreitet. Also haben die Leute zwei auf einmal genommen, nur für den Fall, dass eines ein Blingänger war.“

Aus B.Asbell: Die Pille und wie sie die Welt veränderte

Anders als Geschlechtskrankheiten die Kampfkraft der Armee im ersten Weltkrieg schwächten, vertrauten die Behörden nicht darauf, die Soldaten zur Enthaltsamkeit zu ermahnen, sondern setzten auf Prophylaxe und einer Grundversorgung von 8 Stück im Monat

1882 beschrieb der Flensburger Arzt Mensinga erstmals ein Diaphragma. Es setzte sich vor allen in den nordeuropäischen Ländern als sicherstes Verhütungsmittel bis zur Entwicklung von Pille und Spirale durch.

Einen interessanten Einblick gibt die Ärztin Dr. med. J. Springer in ihrem 1910 veröffentlichten Buch „Die Ärztin im Hause“ , indem als Verhütungsmethoden vor dem Coitus interruptus „nicht dringend genug gewarnt werden (kann), da es das Nervensystem des Mannes in außerordentlichen Grade schädigt. Die Anstrengung, im Augenblick der höchsten Erregung abzubrechen, ist so groß, dass bei dauerndem Befolgen dieses Gebrauchs schwere Nervenstörungen eintreten, die nicht selten Jahre hindurch anhalten.“

Weiter wird berichtet, dass gerade die Anwendung von chemischen Mitteln zu Verätzungen des Vaginaltraktes führen. Eine andere Form ist der Pulverbläser, ein dünnes gebogenes Röhrchen, dessen Ende ein mit Pulver gefüllten Ballon trägt. Das Röhrchen wird bis vor den Muttermund eingeführt und das Pulver durch Druck auf den Ballon vor dem Muttermund zerstäubt. Auf die Unsicherheit dieser wohl sehr teuren Methode weist sie ebenso hin. Die Scheidenspülung wird als am weitesten verbreitetste, aber auch unsicherste Methode beschrieben.

Am sichersten ist der mechanische Verschluß des Muttermundes mittels Wattebausch und Schwamm beim einfachen Volke, oder mittels Okklusiv – oder Schutzpessaren aus Gummi.

Einen guten Tip zu einer glücklichen Ehe hält sie auch parat, denn „nichts untergräbt aber den Frieden einer Ehe und die Achtung der Gatten voreinander sicherer als ein Übermaß des Geschlechtsverkehrs, denn es führt regelmäßig erst zu körperlicher Übersättigung und dann zum Gefühl des Ekels und der Abneigung.“ Auf die Frage „wie oft der Geschlechtsverkehr erlaubt ist, ohne Schaden zu stiften“ empfiehlt sie, dass der Akt  durchschnittlich nicht öfter als einmal die Woche ausgeübt werden solle.

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 Einsichten in den weiblichen Zyklus

Am Beginn des 20. Jh. widmete sich Theodor van der Velde (1873 – 1937) der bereits 1818   festgestellten Tatsache, dass die Aufwachtemperatur der Frau zyklischen Schwankungen unterliegt. 1904 veröffentlichte er seine Forschungsergebnisse zur Basaltemperatur der Frau erstmals. Bekannt wurden Sie aber erst 1927 als Teil des Buches „Die vollkommene Ehe“. Berühmt wurde dieses Buch allerdings weniger wegen der enthaltenen Tipps zur Familienplanung als vielmehr aufgrund der Offenheit, mit der über Sexualität gesprochen wurde.

1928 publizierte der österreichische Gynäkologe Hermann Knaus (1892 – 1970) die Ergebnisse seiner Forschungen über den weiblichen Zyklus. Knaus meinte, der Eisprung finde im Normalfall immer exakt 14 Tage vor der nächsten Blutung statt. Mittlerweile weiß man, dass dieser Zeitraum eine viel größere Schwankungsbreite hat. Basierend auf seinen Ergebnissen entwickelte Knaus eine Berechnungsmethode zur Bestimmung der fruchtbaren Tage, welche einen Beobachtungszeitraum von einem Jahr erforderte. Unabhängig davon war in Japan der Gynäkologe Ogino (1882 – 1975) zu denselben Ergebnissen gelangt, weshalb man die Methode „Knaus – Ogino“ nannte. Knaus kannte zwar Frauen, die auch die Basaltemperatur maßen und die Veränderungen des Vaginalschleimes beobachteten, doch er konnte sich diese Methode nur in Ausnahmesituationen vorstellen.

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Die Hormonforschung beginnt

Der Gedanke an ein hormonelles Verhütungsmittel konnte erst aufkommen, als die Grundlagen der physiologischen und hormonellen Abläufe im weiblichen Körper bekannt waren. Mitte des 19. Jh. erkannten die Forscher Theodor Bischoff in Deutschland und Felix Pouchet in Frankreich, dass die Eierstöcke der Frau in regelmäßigen Abstand ein Ei erzeugten – allerdings vermuteten sie den Zeitpunkt des sogenannten Eisprungs während der Menstruation. Dem Wiener Gynäkologen Emil Knauer können die Anfänge der Hormonforschung im weitesten Sinne zugesprochen werden. Ihm gelang es 1890 durch die Transplantation von Eierstöcken von erwachsenen geschlechtsreifen Nagetieren auf nichtgeschlechtsreife Tiere, Merkmale von Geschlechtsreife zu erzeugen. Er vermutete, dass die Veränderungen durch ein „Fruchtbarkeitsferment“ ausgelöst wurden. Seit dem Jahre 1905 werden solche Stoffe unter dem Sammelnamen „Hormone“ zusammengefasst – abgeleitet von dem griechischen Wort „horman“ für „veranlassen“ oder „Aktivität erzeugen“.

1921 gelang dem Innsbrucker Arzt Ludwig Haberlandt  (1885 – 1932) die Unterdrückung des Eisprungs durch die Transplantation eines Eierstocks von einem trächtigen Tier auf ein nichtträchtiges Tier.

Schließlich stellten 1928 Georg W Corner jr. und Williard M. Allen aus New York fest, dass nach dem Eisprung der aus dem Follikel entstehende Gelbkörper ein Hormon erzeugt und das neue Eizellen unter Wirkung dieses Hormons nicht mehr heranreifen. Sie nannten das Hormon „Progesteron“ nach dem lateinischen „pro“ (für) und „gestare“ (tragen) – das Hormon für die Schwangerschaft. Ein Jahr später wies Eduard Doisy aus St. Louis nach, dass die von Knauer geschilderten „verweiblichenden“ Veränderungen nicht durch Progesteron ausgelöst wurden, sondern mit einem Hormon in Zusammenhang stehen, dass aus den Follikeln der Eierstöcke von Schweinen isoliert wurde. Die Verabreichung dieses Hormons an junge Ratten löste einen Reifungsprozess aus und führte zur Brunst. Nach den griechischen Wörtern „oistros“ (Raserei, heftiges Begehren) und „gennein“ (zeugen) wählte Doisy den Begriff „Östrogen“ für diese Hormon. Da in den 20er Jahren in vielen Staaten der USA Verbreitung von Informationen und Materialien zur Geburtenregelung unter Strafe stand, richtete sich die neu entstandenen Hormonforschung primär darauf aus, ein Mittel zur Behandlung von Fertilitätsstörungen zu entwickeln und nicht ein Verhütungsmittel.

Ludwig Haberlandt äußerte 1919 erstmals die Idee, dass die Entwicklung eines hormonellen Verhütungsmittels möglich sein müsste. Seine Idee begründete sich auf die Hypothese der Embryologen John Beard (Edinburgh) und Auguste Prenant (Nancy), denen zufolge der Gelbkörper weitere Eisprünge verhindere, sobald ein Ei befruchtet sei. Also könne eine schwangere Frau nicht noch einmal schwanger werden. Dieses wies Haberlandt 1921 wie oben beschrieben nach. In weiteren Versuchen mit Eierstock- oder Pflanzenextrakten konnte Haberlandt die Unfruchtbarkeit und die Wiedererlangung der Fruchtbarkeit nach Absetzten des Extrakts nachweisen. Haberlandt sprach von einer „zeitweisen hormonellen Sterilisation“. Versuche Haberlandts, ein industriell herzustellendes Verhütungsmittel zu produzieren, scheiterten an den Kosten und dem Desinteresse deutscher Pharmaunternehmen (E. Merck, IG-Farben) in der Zeit des NS-Regimes. Schließlich schloss Haberlandt mit dem ungarischen Unternehmen „Gedeon Richter“ einen Vertrag ab und patentierte ein Präparat unter dem Namen „Infecundin“. Durch den plötzlichen Tod Haberlandts 1932 wurde das Konzept nie umgesetzt.. 1966 tauchte in Ungarn die erste Pille unter dem Namen „Infecundin“ wieder auf.

Die Hormonforschung konzentrierte sich nun auch mehr auf die Aufklärung der chemischen Struktur. So entdeckte der Biochemiker Adolf Butenandt (1903 – 1995) 1929 das erste weibliche, aus Stutenharn isolierte Sexualhormon Östron. Die natürlichen Hormone waren jedoch bei oraler Einnahme fast wirkungslos. Einen großen Fortschritt bedeutete die synthetische Herstellung des Hormons Progesteron und die Synthese des Äthinylöstradiols aus Östron der Firma Schering. Doch die Zeit war in Deutschland denkbar ungünstig und so verlagerte sich die Forschung in die USA.  

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Fruchtbarkeit und Zwangssterilisationen – Das dunkle Kapitel der NS-Zeit

1931 entwickelte der Berliner Gynäkologe Prof. Gräfenberg das erste Intrauterin-Pessar (IUP), besser bekannt als Spirale. Es handelte sich hierbei um einen Silberring, der in die Gebärmutter eingesetzt wurde. In Deutschland enthielt das Silber damals eine hohe Kupferkonzentration. Das Kupfer ist der eigentliche Wirkstoff der Spirale, da es eine Dauerentzündung in der Gebärmutter hervorruft und so das Einnisten der Eizelle verhindert. Anfangs wurden auch Intra-Zervix-Pessare (IZP) entwickelt, die nicht in der Gebärmutterhöhle, sondern in dem dünnen Gang vom Muttermund zur Gebärmutterhöhle saßen. Diese wuchsen aber regelmäßig ein und mussten durch komplizierte Operationen wieder entfernt werden. Die aufstrebende Naziideologie sorgte allerdings dafür, dass Gräfenbergs Methode nur einem kleinen Kreis bekannt blieb.

Im ideologieschwangeren Dritten Reich hatten Verhütungsbefürworter zu schweigen. „Kinder für den Führer“ solle die deutsche Frau gebären. Die Fruchtbarkeit der arischen Frau durfte auf keinen Fall eingeschränkt werden.  Die Beratungsstellen wurden geschlossen, die Werbung für Verhütungsmittel untersagt.

Freilich galt das Hohelied auf die Familie nur für Arier - Schwangerschaftsabbrüche bei Nicht-Ariern galten als „Dienst am Volk“. Hetze gegen die „ungezügelte“ Fruchtbarkeit der Nicht-Arier gehörte zum fixen Bestandteil der alltäglichen Propaganda.

So lag ein Schwerpunkt der Naziideologie in der Verhinderung und Vernichtung

„unwerten Lebens“. Als ein Beispiel für viele soll der Gynäkologe Prof. Dr. Carl Clauberg (1898 – 1957) beleuchtet werden. Er entwickelte in den 20er Jahren mit der Firma Schering-Kahlbaum die noch heute gebräuchlichen Medikamente zur Therapie der Unfruchtbarkeit Progynon und Proluton. Die Entwicklung des ersten synthetischen Progesterons 1938 in Proluton bedeutete einen wesentlichen Fortschritt in der Hormonforschung und verhalf auch dem „Clauberg-Test“ (einem hormoneller Gestagen-Test) zu seinem Namen. In Auschwitz wurde ein ganzer Block für ihn und seine Forschungen zur Massensterilisation eingerichtet. Im Block 10 suchte er nach einer operationslosen Methode der Massensterilisation – geplant waren 1000 Frauen pro Tag und pro Arzt – und führte Injektionen in die Eileiter gebärfähiger Frauen durch. Er verwendete dazu vermutlich Formalin und Novocain. Viele dieser Frauen starben an Bauchfellentzündungen oder ähnlichem

Nach dem Krieg wirkten die Bestimmungen der NS-Zeit nicht nur im   Bewusstsein der Menschen fort, die „Himmlerschen Polizeiverordnungen“ aus dem Jahr 1941 wurden in einigen deutschen Bundesländern erst 1969 außer Kraft gesetzt! So lange blieben die Verbote erhalten, für Verhütung zu werben, über die Vermeidung einer Empfängnis aufzuklären und Verhütungsmittel zu importieren.

Dazu kam, dass die während der Diktatur ausgebildeten Ärzte nicht über Verhütung unterrichtet worden waren. Das Wissen in Deutschland und Österreich hinkte deshalb dem in den angelsächsischen Ländern nach. Nur eines war der Generation dieser Ärzte beigebracht worden: wie eine Sterilisation durchzuführen sei.

Anfang der 50er Jahre meldete sich auch die katholische Kirche wieder zu Wort. Papst Pius XII. rang sich dazu durch, einem Paar insoweit Entscheidungsfreiheit zu lassen, als er die bewusste Enthaltsamkeit an den fruchtbaren Tagen nicht mehr explizit verurteilte. Selbstverständlich galt diese „zulässige“ Form der Verhütung nur für Ehepaare.

In den 50er Jahren war es dann im deutschen Sprachraum nicht leicht, den Anschluss an den Forschungsstand und die Infrastruktur im angelsächsischen Sprachraum zu finden.

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Eine Revolution wird in Auftrag gegeben

Die Zeit der Jazzmusik bringt einen freizügigeren Lebensstil in den Beginn der goldenen 20er Jahre. Es herrscht Prohibition, Frauen haben sich das Wahlrecht erkämpft, Schwule und Lesben brechen offen das Tabu der Homosexualität. Am Ende der 20er Jahre gehen bereits über die Hälfte der amerikanischen Frauen nicht mehr unberührt in die Ehe.

1916 hatte die amerikanische Krankenschwester Margret Sanger die erste Beratungsstelle der Nationalen Liga für Geburtenkontrolle eröffnet. Auf organisierten Bällen schmuggelte Margret Sanger Verhütungsmittel wie Kondome und Diaphragmen in Ginfässern nach Amerika und verteilte sie eigenmächtig. Ihr erstes Büro wurde von Seiten der Behörde geschlossen. Sanger selbst hatte in der Familie in der sie aufwuchs die gesundheitlichen Probleme kennen gelernt, welche zahlreiche Geburten für Frauen in armen Verhältnissen mit sich brachten. Für Ihr Engagement saß sie kurze Zeit im Gefängnis. 

„Fast bis zur Straßenecke standen sie Schlange, ohne Hut und Schal, mit geröteten Händen die schrundigen Händchen Ihrer Kinder umklammernd. Den ganzen Tag und weit bis in den Abend hinein kamen sie in zunehmender Zahl, weit über hundert am Tag der Eröffnung. Jüdinnen, Protestantinnen und Katholikinnen kamen bei uns zur Beichte.“

Memoiren der Margret Sanger, 16. Oktober 1916

1951 veranstaltetet die 71-jährige Margret Sanger, die Ihr ganzes Leben in den Dienst der Geburtenkontrolle gestellt hatte, eine Dinnerparty, die in die Geschichte einging. Sanger hatte den Experten für Fortpflanzungsbiologie Dr. Gregory Pincus eingeladen. Ihn fragte  sie nach den Kosten, welche die Entwicklung eines Verhütungspräparates erfordern würde, das man wie „eine Aspirin schlucken“ könne. Pincus schätzte die notwendigen Investitionen auf 125000 Dollar. Und Sanger sorgte für eine spendable Geldgeberin: Katherine McCormick, 75 Jahre alt und steinreiche Erbin eines Mähdrescher–Imperiums.

Als eine der ersten Frauen studierte sie Biologie und beendete 1904 die Magisterarbeit mit einer naturwissenschaftlichen Arbeit. Ihr Mann erkrankte kurz nach der Hochzeit schwer, sie blieb kinderlos und widmete sich ein Leben lang sozialpolitischen Tätigkeiten. Das Thema Geburtenkontrolle führte die beiden so unterschiedlichen Frauen zusammen.

Pincus hatte die Kosten freilich bei weitem   unterschätzt, und McCormick investierte im Lauf der Jahre mehr als 2 Millionen Dollar in die Entwicklung der „Pille“.

Pincus allein hätte allerdings die Entwicklung eines „wie Aspirin“ zu schluckenden Präparates auch mit der finanzkräftigen Unterstützung von Katherine McCormick nicht geschafft. Zwar hatte er bereits ein wirksames synthetisches Hormonpräparat in Auftrag gegeben, doch es musste gespritzt werden, da die Dosierung in Tablettenform nicht ausreichte. Auf der Suche nach dem geeigneten Hormon erinnerte sich Pincus an die Arbeiten des Chemikers Russel E. Marker. Marker war es gelungen, das Steroid Sapogenin aus den Wurzeln der Sarsaparilla zu gewinnen. Aus einer bestimmten Art von Sapogenin, dem sogenannten Diosgenin der Yamswurzel (Dioscorea) ließ sich Progesteron besonders einfach gewinnen. 1943 gründete Marker die Firma Syntex SA in Mexiko City, denn nur hier ließ sich das Dioscoreaceengewächs mit dem Namen „cabeza de negro“ in ausreichender Menge ansiedeln. 1949 kehrte Marker enttäuscht in die Staaten zurück. Seine bahnbrechenden Arbeiten ermöglichten jetzt allerdings die industrielle Herstellung von Steroidhormonen.

Den Grundstein hatte Ludwig Haberlandt durch seine Tierversuche gelegt. Die Idee wurde von dem aus dem Wien der Nazizeit geflüchteten Carl Djerassi nach dem 2. Weltkrieg wieder neu aufgenommen. Er arbeitete mit  Georg Rosenkranz zusammen  auf dem Gebiet der Steroidforschung im Bereich der Kortisonherstellung bei Syntex SA. Am 15. Oktober 1951 gelang Djerassi die erste Syntese eines steroidalen oralen Kontrazeptivums. Er meldete die Substanz Norethindron oder Norethisteron, einen oral aktiv gemachten Abkömmling des weiblichen Geschlechtshormons Progesteron, als „Antikonzeptionelle Methode“ zum Patent an. Die verhütende Wirkung des Progesterons war schon länger bekannt, aber oral verabreicht wurde es im Körper schnell abgebaut und unwirksam. Dieses neue Progesteron hielt dem Stand. Etwa zur gleichen Zeit entdeckte der Chemiker Frank B. Colton beim pharmazeutischen Unternehmen G. D. Searle eine ähnliche Substanz namens Norethynodrel. Zwischen beiden Chemikern enstanden Urheberansprüche – worüber sie sich aber zu diesem Zeitpunkt beide nicht bewusst waren, war die Tatsache, das sie eine Substanz zur Geburtenkontrolle gefunden hatten

Als Pincus 1951 anfing nach dem Hormon für eine Verhütungspille zu suchen, hatte er noch keine Ahnung über die unlängst entwickelten Gestagene (die künstlichen Präparate mit Progesteronwirkung heißen im deutschen Sprach- gebrauch „Gestagene“, im angelsächsischen wurden sie „Progestine“ genannt).

Anfangs verwandte er Russel E. Markers Progesteron, wobei er hier nur die verhütende Wirkung bei Tieren wiederholte. Der nächste Schritt war der klinische Test am Menschen. Die Wahl fiel auf den Gynäkologen John Rock.

John Rock verabreichte zu dieser Zeit unfruchtbaren Frauen ein neues synthetisches Progesteron um eine Schwangerschaft herbeizuführen

Pincus testete auf der Basis von Norethindron immer neue Hormonkombinationen und startete 1954 die ersten klinischen Studien unter dem Codenamen PPP – Pincus Progesteron Project. 50 Frauen ließen sich auf diese ersten oralen Verhütungsmittel ein, keine von ihnen hatte einen Eisprung. Zwei Jahre führte Pincus Großversuche in Puerto Rico und Haiti durch, wieder mit durchschlagenen Erfolg. Diese Untersuchungen waren dort möglich, da dort die Geburtenkontrolle seit 1937 legalisiert worden war. Bis 1957 wurden 25.421 Monatszyklen verfolgt. Die Versagerquote lag bei 1,7 pro hundert Frauenjahre (Pearl Index). In Mexiko City berichteten die Zuständigen von einer Versagerquote von nur 0,6 Prozent. Vergleichende Studien zu anderen Verhütungsmethoden brachten folgende Versagerquoten: Diaphragma 33,6 %, Vaginalcremes und – gels 36,1 % und das Kondom 28,3 %. Die Konzentrationen der verwendeten Hormonmengen waren allerdings erheblich höher als bei den heute üblichen Präparate.

1955 berichtete G. Pincus und sein Mitarbeiter M. C. Chang auf der 5. Tagung der „International Planned Parenthood League“ in Tokio von der zuverlässigen Wirkung der Progestine im Tierversuch und beim Menschen. J. Rock stellte kurze Zeit später auf einer Tagung der Endokrinologen die Ergebnisse mit der Bemerkung vor:

„Wir sind zu der Annahme berechtigt, dass die Ovulation durch das neue Präparat, zumindest in einem sehr hohen Prozentsatz, unterbrochen wird.“

Das erprobte Präparat „Enovid“ enthielt 10 mg Norethynodrel und 0,150 mg Mestranol. Es wurde an 20 aufeinanderfolgenden Tagen während eines Zyklus genommen.

Schon in den Studien berichteten viele Patienten über Nebenwirkungen wie etwa Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel. Folglich bestand schon Bedarf an neuen Studien zur Verbesserung des Präparates.

Carl Djerassi, Frank B. Colton und vor allem Pincus dürften somit als Erfinder der Pille bezeichnet werden. Djerassi bezeichnete sich interessanterweise in seiner Autobiographie selbst als „Mutter der Pille“

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Von der Nebenwirkung zur Anti – Baby – Pille

Da in vielen Bundesstaaten die Weitergabe von Verhütungsmitteln mit Sanktionen belegt war, beantragte die Pharmafirma G. D. Searle die Freigabe der ersten Pille „Enovid“ zur Behandlung von Menstruationsbeschwerden.

Ein Sprecher der Firma G. D. Searle Company meinte 1969: „Wir erkannten von Anfang an, dass uns höllische Kontroversen bevorstanden und wir waren sehr vorsichtig. Hätte uns jemand gesagt, dass die Pille einmal Gesprächsthema an Wohnzimmertischen und auf Bridge – Partys sein würde, wir hätten es ehrlich gesagt, nicht geglaubt.“

Katherine McCormick fasste den Umweg zum Ziel so zusammen: „Gewiss führte der Einsatz eines oralen Verhütungsmittels gegen Menstruationsbeschwerden unvermeidlich dazu, es auch zur Verhütung von Schwangerschaften zu gebrauchen.  Mir persönlich erscheint diese schrittweise Annäherung an das Schwangerschaftsproblem, auf dem Umweg über die Menstruation, als eine durchaus glückliche und verheißungsvolle Vorgehensweise.“

Bis Ende 1959 kauften mehr als 500.000 Amerikanerinnen „Enovid“ zur             „Behandlung von Menstruationsbeschwerden“. Erst am 11. Mai 1960 gab die FDA (Food and Drug Administration, die US-Arzneimittelbehörde) die Pille offiziell auch als Verhütungsmittel frei.

1956 erwarb Schering das von der Firma Syntax SA entwickelte Progestin Norethindron (=Norethisteron). Unter dem Namen „PrimulutN“ wurde es bei der Behandlung von Menstruationsbeschwerden eingesetzt. Durch die Weiterentwicklung zum Norethisteronacetat hatte Schering das geeignete Progestin für die erste Pille auf dem deutschen Markt entworfen. Am 1. Juli 1961 kam die erste europäische Pille als „Mittel zur Behebung von Menstruationsstörungen“ auf den Markt: „Anvolar“  von der Firma Schering. Auch hier bezeichnete der erste Beipackzettel die empfängnisverhütende Wirkung  als Nebenwirkung. Anvolar enthielt schon wesentlich geringere Anteile an Wirkstoffen: 4 mg Norethisteronacetat und 0,05 mg Ethinylestradiol. 1965 zog die VEB Jenapharm mit Ovosiston in der DDR nach.

Mit der Pille stand erstmals ein Verhütungsmittel zur Verfügung, das komfortabler als die Spirale, zuverlässiger als Knaus-Ogino und lustfreundlicher als das Kondom war. Die Folge der Entkopplung von Sex und Reproduktion war eine tiefgreifende Änderung im Verhalten weiter Bevölkerungskreise: es kam die sexuelle Revolution.

„Die Kultur des abendländischen Liebesleben hat zweifellos gewonnen. Es hat ganz sicher seit Menschengedenken kein so fröhliches, angstfreies und beide Partner – auch die zumeist zu kurz gekommenen Frauen – befriedigendes Liebesleben gegeben wie heutzutage.“

Prof. Richard Huber ( Freiburg)

Eine andere Folge ist die seit den sechziger Jahren rücklaufende Geburtenquote in den westlichen Ländern. Von 1963 bis 1978 sank die Zahl der Geburten fast um 50 %.

Zur Zeit leben weltweit etwa eine Milliarde Frauen im gebärfähigen Alter. Circa 70 bis 80 Millionen davon schlucken täglich die Pille.

Doch die Entwicklung der Pille blieb nicht bei Anvolar stehen. Durch eine Senkung der Estrogendosis (sogenannte Mikropillen mit 35, 30 und seit 1989 20 mikrogramm Ethiylestradiol) konnten die Nebenwirkungen bei gleicher Zuverlässigkeit gesenkt werden. Auch die nur aus einem Gestagen bestehende Minipille, die vor allem in der Stillzeit eingesetzt wird ist eine Neuerung. Die Dosiszusammensetzung änderte sich Anfang der 80er Jahre. Waren bis dahin nur monophasische oder Einphasenpräparate (d.h. Estrogen und Gestagen sind in allen Pillen einer Packung in einem festen Verhältnis) bekannt, kamen nun kombinierte zwei- und dreistufige Pillen auf den Markt. Hier änderte sich das Verhältnis zwischen Estrogen und Gestagen im Verlauf der 21tägigen Einnahme. Dies erhöhte nochmals die Verträglichkeit und Zyklusstabilität der Präparate. Eine andere Variante waren die seit den 60er Jahren entwickelten Zweiphasen oder Sequenzpräparate. Diese Pillen haben im ersten Abschnitt des Zyklus nur eine Estrogenkomponente und in der folgenden Abschnitten sind Sie mit einem Gestagen kombiniert. Die Grundidee war die exaktere Nachahmung des weiblichen Zyklus, weshalb man diese „normophasische Pillen“ nannte. Eine andere Entwicklung lag auf der Seite der Gestagene, wobei man neben der verhütenden Wirkung andere Teilwirkungen der Gestagene entwickelte.

So revolutionär die Entwicklung der Pille auch war, sie blieb nicht der einzige Fortschritt auf dem Gebiet der Empfängnisverhütung.

Auf dem Gebiet der natürlichen Familienplanung tat sich einiges: Anfang der 60er Jahre stellte das australische Arztehepaar Evelyn und John Billings Regeln auf wie die Veränderung des Schleims der Muttermundschleimhaut zu deuten sei. Voraussetzung sind hierfür ein stabiler und regelmäßiger Zyklus, der bei jungen Mädchen meistens noch sehr schwankend ist. Der österreichische Arzt Josef Rötzer kombinierte 1968 die Billings-Methode mit der Messung der Basaltemperatur   und entwickelte so die „symptothermale Methode“. 

Seitdem   Mitte der 80er Jahre  die Immunschwächekrankheit AIDS erstmals aufgetreten war,   erlebte die Verhütung mit dem Kondom eine Renaissance. Das Kondom ist die einzige Methode, die neben einer Empfängnisverhütung auch einen sicheren Schutz vor Geschlechtskrankheiten bietet. Zu Beginn der 90er Jahre wurde das Femidon, das „Kondom für die Frau“ entwickelt.

Selbstverständlich unterliegen auch die bekannten Methoden ständigen Verbesserungen: Kondome, Diaphragmen, chemische Verhüttungsmittel, Minipille, Depotspritzen, Sterilisationen, Spiralen, das Hormonimplantat Implanon  ,der NuvaRing und Verhütungspflaster. Auch die „Pille danach“ und die Entwicklung des Medikamentes RU 486 sei hier der Vollständigkeit halber erwähnt.

Literaturhinweise :

Links:

www.dhmd.de

www.mariestopes.org.uk

www.nourypharma.de

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